Ja zur Globalisierung — aber nicht um jeden Preis

Über die Chancen und Risiken von Globalisierung wird länger gestritten, als der Begriff selbst alt ist. Er wurde in den 1960er Jahren geprägt, der theoretische Ursprung der heutigen, modernen Globalisierung liegt aber am Beginn des 19. Jahrhunderts. Und jeder, der sich auch nur kurz mit den Grundlagen der Makroökonomik beschäftigt hat, kennt den komparativen Kostenvorteil von internationalem Handel, wie ihn David Ricardo 1817 beschrieb. Das Ricardo-Modell bildet die wissenschaftliche Basis für die Chancen der Globalisierung. Und trotz der starken Vereinfachung und der damit einhergehenden berechtigten Kritik am Modell zweifelt bis heute niemand ernsthaft am Wohlstandsgewinn, welchen weltweiter Freihandel der Menschheit in ihrer Gesamtheit verschafft.

Was Ricardo am Beispiel der Wein- und Tuchproduktion in Frankreich und England zeigen konnte, nimmt heute kaum vorstellbare Ausmaße an. Wenn ein „riesiges Containerschiff, das von einer taiwanischen Reederei betrieben wird, einem japanischen Schifffahrtsunternehmen gehört und unter der Flagge Panamas fährt, mit seiner indischen Besatzung auf der Fahrt von China nach Europa in einem ägyptischen Kanal stecken bleibt — zum Leidwesen einer britischen Versicherung,” wie Gerald Hosp in der NZZ am 10. Mai 2021 genauso anschaulich wie zutreffend beschreibt, kann das als vorläufiger Höhepunkt von Globalisierung betrachtet werden.

In seinem jüngsten Artikel „Der vermeintliche Abgesang der Globalisierung. Ein Ammenmärchen.“ (https://drandreasb.medium.com/der-vermeintliche-abgesang-der-globalisierung-ein-ammenm%C3%A4rchen-77ea3c4585fe) beschreibt Dr. Andreas Berger die Globalisierung als „sehr gut funktionierendes System, dass das Blut durch die Handelsadern der Welt pumpt“, dass den Güterverkehr hoch effizient mache und funktionierende Lieferketten schaffe, die das Schmiermittel der Weltwirtschaft seien. Damit liegt er sicher richtig. Auch lässt sich kaum bestreiten, dass wir ohne Globalisierung die größte Herausforderung künftiger Generationen, den Klimawandel, nicht bewältigen können.

Die Globalisierung ist zweifellos eine Erfolgsgeschichte, aber ist sie das tatsächlich „auf ganzer Linie“ wie Berger behauptet? Hier ist das Fragezeichen mehr als angebracht und ein einfacher Verweis auf Folgen und Probleme, auf die schon immer aufmerksam gemacht wurden sei, scheint zu kurz gegriffen. Dafür sind die negativen Auswirkungen der „Immer — Schnell — Billig — Verfügbar — Mentalität“ einfach zu offensichtlich und gravierend.

Wir schürfen Rohstoffen in allen Teilen der Welt und beuten dabei Mensch und Natur aus. Wir holzen Regenwälder in Brasilien ab, um das angebaute Soja an Tiere in Europa zu verfüttern, welche dann zu Spottpreis nach Afrika exportiert werden und dort die heimischen Märkte zu zerstören. Wir importieren FFP2-Masken aus China, ohne über umweltverträgliche Herstellung, medizinische Unbedenklichkeit und Funktionsfähigkeit Bescheid zu wissen, während in Schöneck produzierte und von der Bundesregierung mit deutschem Steuergeld geförderte Masken keinen Absatz finden. Und wir verhandeln Freihandelsabkommen, die all diese Auswüchse eher zementieren als verhindern.

Globalisierung vergrößert in einem ersten Schritt den Kuchen, den es zu verteilen gibt. Aber ohne den zweiten Schritt, nämlich genau diese Verteilung, nützt der erste Schritt nur den globalen Großkonzernen und vergrößert die weltweite Ungerechtigkeit. Globalisierung ist aber kein Selbstzweck. Der Schutz von Menschenrechten und Umweltschutz muss mitgedacht werden. Globalisierung muss dem Menschen dienen und deshalb sind Regeln nötig, die Mensch und Umwelt schützen. Welche Folgen das haben kann (oder besser: haben muss), zeigen folgenden drei Beispiele.

Der Wirtschaftszweig, auf welchen die Globalisierung die vielleicht größten negativen Auswirkungen hat, ist die Landwirtschaft. Nahrungsmittelhandel unter dem Diktat von weltweit agierenden Agrarkonzernen richtet großen Schaden an. Millionen Tiere werden rund um den Globus transportiert, Monokulturen verdrängen jahrtausendalte Naturlandschaften und billige Lebensmittel führen zu Verschwendung in der westlichen Welt, während Menschen in vielen Regionen der Welt auch im 21. Jahrhundert noch von Hunger bedroht sind. All das kann ein globalisierter Agrarmarkt nicht verhindern, sondern befeuert es. Und die Europäische Agrarpolitik trug in den letzten Jahrzehnten ihren Teil dazu bei, dass sich diese Missstände verfestigen konnten. Hier ist deshalb ein grundsätzliches Umdenken nötig. Wir müssen wieder hin zu mehr regionaler Direktvermarktung, egal ob BIO-Qualität oder nicht. Dafür braucht es staatliche Anreize und einen regulierten Außenhandel auf dem gebiete der Landwirtschaftspolitik.

Freihandelsabkommen sind gut und wichtig. Aber sie müssen zu Ende gedacht sein und genau den eben formulierten Anspruch, Schutz von Mensch und Natur, genügen. Wenn dem nicht so ist, darf es keinen rein ökonomisch motivierten Schnellschuss geben, sondern es muss weiterverhandelt werden, bis ein für alle Seiten akzeptabler Kompromiss erzielt ist. Wenn dann Handelsabkommen wie TTIP oder CETA auf Eis liegen oder sogar ganz scheitern, ist das zwar bedauerlich, aber das kleinere Übel gegenüber ungenügend reguliertem Freihandel.

Ein funktionierendes Lieferkettengesetz kann ein überaus wirksames Instrument zur Steuerung der Folgen der Globalisierung sein. Wenn Unternehmen verpflichtet sind, die Lieferketten ihrer Produkte an strengen Richtlinien auszurichten, diese öffentlich und transparent offenlegen müssen und bei Verstößen juristische Prozesse fürchten müssen, können die schlimmsten Auswirkungen ungezügelten Freihandels eingedämmt werden. Das geht mit Sicherheit in Teilen zu Lasten der Unternehmen. Ihnen werden noch mehr Regeln und noch mehr Bürokratie aufgebürdet. So ehrlich muss man sein. Letztlich ist dies aber der Preis dafür, dass Globalisierung tatsächlich allen Menschen dienlich ist und nicht zum Selbstzweck verkommt.

Die globalisierungskritischen Stimmen werden lauter, je eklatanter die Auswüchse werden. Ziel muss es daher sein, sich die Kräfte von weltweitem Freihandel zu Nutze zu machen und gleichzeitig seine Brutalität einzuhegen. Gelingt das nicht, besteht die Gefahr, dass die Rufe nach Protektionismus und Autarkie die Oberhand gewinnen. Und dann ist der Abgesang auf die Globalisierung vielleicht doch bald kein Ammenmärchen mehr.